Rückenschmerzen (Lendenwirbelsäule und ISG)
Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden während der Schwangerschaft. Etwa 50-80% aller schwangeren Frauen leiden darunter, besonders im zweiten und dritten Trimester. Die Ursachen sind vielfältig und oft miteinander verknüpft.
Das Hormon Relaxin, das der Körper vermehrt produziert, lockert die Bänder und Gelenke, um den Geburtsvorgang zu erleichtern. Diese Lockerung betrifft jedoch nicht nur das Becken, sondern den gesamten Bewegungsapparat. Die Lendenwirbelsäule verliert an Stabilität, was zu Schmerzen führen kann.
Zusätzlich verlagert sich durch den wachsenden Bauch der Körperschwerpunkt nach vorne. Um dies auszugleichen, nehmen viele Frauen unbewusst ein Hohlkreuz ein, was die Lendenwirbelsäule zusätzlich belastet. Die Muskulatur muss verstärkt arbeiten, um den Körper aufrecht zu halten, was zu Verspannungen und Schmerzen führt.
Das Iliosakralgelenk (ISG), die Verbindung zwischen Kreuzbein und Darmbein, ist besonders häufig betroffen. Die hormonbedingte Lockerung kann zu einer Instabilität führen, die sich durch einseitige Schmerzen im unteren Rücken oder Gesäß bemerkbar macht. Diese Schmerzen können bis ins Bein ausstrahlen.
So hilft Physiotherapie bei Rückenschmerzen:
- Manuelle Techniken zur Lösung von Verspannungen und Blockaden
- Stabilisationsübungen für die tiefe Rumpfmuskulatur
- Haltungskorrektur und ergonomische Beratung
- Anpassung von Schlafposition und Lagerung
- Wärmebehandlung zur Entspannung der Muskulatur
- Kinesiotaping zur Unterstützung der Lendenwirbelsäule
Symphysenschmerzen (Symphysenlockerung)
Die Symphyse ist die knorpelige Verbindung zwischen den beiden Schambeinästen im vorderen Beckenbereich. Während der Schwangerschaft lockert sich diese Verbindung durch hormonelle Einflüsse, um dem Baby bei der Geburt mehr Platz zu geben. Bei manchen Frauen ist diese Lockerung jedoch so ausgeprägt, dass starke Schmerzen entstehen.
Symphysenschmerzen werden typischerweise als stechend oder brennend beschrieben und befinden sich zentral im Schambereich. Sie können bis in die Leisten oder Oberschenkel ausstrahlen. Besonders belastend sind Bewegungen, die das Becken asymmetrisch belasten: Treppensteigen, Ein- und Aussteigen aus dem Auto, Umdrehen im Bett oder längeres Stehen.
In schweren Fällen spricht man von einer Symphysensprengung oder Symphysendiastase, bei der der Spalt zwischen den Schambeinästen deutlich vergrößert ist. Dies erfordert eine besonders sorgfältige Behandlung und oft auch die Verwendung eines Beckengurtes.
Therapeutische Maßnahmen bei Symphysenschmerzen:
- Beckenbodentraining zur Stabilisierung des Beckens
- Anleitung zur symmetrischen Bewegung im Alltag
- Anpassung eines Symphysengurtes oder Beckengurtes
- Sanfte Mobilisation des Beckens
- Kräftigung der Adduktoren und Gesäßmuskulatur
- Entlastungsübungen und Lagerungstechniken
Ischias-Beschwerden in der Schwangerschaft
Der Ischiasnerv ist der längste und dickste Nerv des menschlichen Körpers. Er entspringt aus der Lendenwirbelsäule und dem Kreuzbein, verläuft durch das Gesäß und zieht an der Rückseite des Beins bis zum Fuß. Während der Schwangerschaft kann dieser Nerv durch verschiedene Mechanismen gereizt oder eingeengt werden.
Eine häufige Ursache ist das Piriformis-Syndrom. Der Piriformis-Muskel liegt tief im Gesäß und wird durch die veränderte Körperhaltung in der Schwangerschaft oft überlastet. Wenn er sich verkrampft oder anschwillt, kann er auf den darunterliegenden Ischiasnerv drücken. Dies verursacht ausstrahlende Schmerzen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle im Gesäß und Bein.
Auch die wachsende Gebärmutter kann durch direkten Druck auf den Nerv oder durch die veränderte Beckenmechanik zu Ischias-Beschwerden beitragen. Die Schmerzen treten typischerweise einseitig auf und können sich durch Sitzen, Stehen oder bestimmte Bewegungen verschlimmern.
Physiotherapeutische Behandlung bei Ischias:
- Dehnung des Piriformis-Muskels und der Gesäßmuskulatur
- Nervenmobilisation (Neurodynamik)
- Manuelle Therapie zur Entlastung des Nervs
- Wärmebehandlung und Entspannungstechniken
- Übungen zur Entlastung des unteren Rückens
- Anpassung von Sitz- und Liegepositionen
Karpaltunnelsyndrom in der Schwangerschaft
Das Karpaltunnelsyndrom tritt bei etwa 25% aller Schwangeren auf und ist damit eine der häufigsten neurologischen Beschwerden in dieser Zeit. Der Karpaltunnel ist ein enger Kanal an der Handgelenksinnenseite, durch den der Medianusnerv und die Beugesehnen der Finger verlaufen.
Während der Schwangerschaft lagert der Körper vermehrt Wasser ein. Diese Schwellungen können auch im Bereich des Karpaltunnels auftreten und zu einer Einengung des Nervs führen. Die typischen Symptome sind Kribbeln, Taubheitsgefühle und Schmerzen in Daumen, Zeige- und Mittelfinger sowie der Daumenseite des Ringfingers. Besonders nachts und in den frühen Morgenstunden sind die Beschwerden oft am stärksten.
In fortgeschrittenen Fällen kann es zu einer Schwäche der Daumenballenmuskulatur kommen, was das Greifen erschwert. Viele betroffene Frauen berichten, dass ihnen häufiger Gegenstände aus der Hand fallen.
Behandlungsansätze beim Karpaltunnelsyndrom:
- Handgelenksschienen für die Nacht zur Entlastung
- Manuelle Lymphdrainage zur Reduktion der Schwellung
- Nervenmobilisation (Gleittechniken)
- Übungen zur Verbesserung der Durchblutung
- Ergonomische Beratung für Alltag und Arbeitsplatz
- Kühlung und Hochlagerung der Hände
Wassereinlagerungen (Ödeme)
Wassereinlagerungen, medizinisch als Ödeme bezeichnet, sind ein häufiges Phänomen in der Schwangerschaft. Sie entstehen durch die erhöhte Blutmenge, hormonelle Veränderungen und den Druck der wachsenden Gebärmutter auf die Blutgefäße. Besonders betroffen sind Füße, Knöchel, Unterschenkel und Hände.
Leichte Schwellungen sind in der Regel harmlos und gehören zu einer normalen Schwangerschaft. Sie können jedoch unangenehm sein und das Wohlbefinden beeinträchtigen. Enge Schuhe passen plötzlich nicht mehr, Ringe müssen abgenommen werden, und die Beine fühlen sich schwer und müde an.
Wichtig ist die Abgrenzung zu pathologischen Ödemen, die im Zusammenhang mit einer Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) auftreten können. Plötzliche, starke Schwellungen, insbesondere im Gesicht, sollten daher immer ärztlich abgeklärt werden.
Physiotherapeutische Maßnahmen bei Ödemen:
- Manuelle Lymphdrainage zur Förderung des Lymphabflusses
- Entstauungsübungen und Bewegungstherapie
- Anleitung zur Hochlagerung der Beine
- Aktivierung der Muskelpumpe durch gezielte Übungen
- Kompressionsstrümpfe (nach ärztlicher Verordnung)
- Kneipp-Anwendungen und Wechselduschen
Beckenbodenbeschwerden
Der Beckenboden ist eine komplexe Muskelplatte, die das Becken nach unten abschließt und wichtige Funktionen erfüllt: Er trägt die inneren Organe, kontrolliert Blase und Darm und spielt eine zentrale Rolle bei der Sexualität. Während der Schwangerschaft wird er durch das zunehmende Gewicht des Babys und der Gebärmutter stark beansprucht.
Viele Schwangere bemerken eine Schwäche des Beckenbodens durch ungewollten Urinverlust beim Husten, Niesen oder Lachen (Belastungsinkontinenz). Auch ein Schweregefühl im Becken oder Druck nach unten können Anzeichen für eine Beckenbodenüberlastung sein.
Ein gut trainierter Beckenboden ist nicht nur während der Schwangerschaft wichtig, sondern auch für die Geburt selbst. Er muss einerseits stabil genug sein, um die Organe zu tragen, andererseits aber auch entspannen können, um dem Baby den Weg durch den Geburtskanal zu ermöglichen. Dieses Zusammenspiel von Anspannung und Entspannung kann und sollte gezielt trainiert werden.
Beckenbodentherapie in der Schwangerschaft umfasst:
- Wahrnehmungsübungen für den Beckenboden
- Kräftigungsübungen für die verschiedenen Schichten
- Entspannungstechniken für die Geburtsvorbereitung
- Integration des Beckenbodens in Alltagsbewegungen
- Atemübungen zur Koordination von Beckenboden und Zwerchfell
- Verhaltenstipps für den Alltag (richtiges Heben, Aufstehen etc.)